Motto des Jahres

Kunst.Identität

Die Humanwissenschaften verorten – in seltener Einigkeit – die Gesellschaften der entwickelten Welt gegenwärtig in einem Kreativitätsdispositiv, dessen Entstehen man in der im 18. Jahrhundert  beginnenden Industrialisierung und Rationalisierung, und deren auf Zweckorientierung verengten Lebensperspektive, verursacht sieht.

Verstärkt durch die Religionsdistanz der Aufklärung entwickeln sich hierdurch tiefgreifende Affektdefizite, die einer Gegenbewegung, nach dem Vorbild des Künstlerideals, fruchtbaren Boden bieten. Genie und Bohémien symbolisieren als frühe Protagonisten das enorme Ausmaß dieses Potentials.

Schleiermachers Weihe der Kunst zur Kunstreligion und die Kunstausübung als zentrale Disziplin des bürgerlichen Bildungsimperativs und Sozialstatus sind im 19. Jahrhundert unübersehbare Marksteine dieser Entwicklung. Rationalisierung und Virtuosenkult manifestieren zudem ein Steigerungsparadigma, das Neues, Außergewöhnliches, Originelles, idealisiert und damit Selbstverwirklichung als dominierendes Modell menschlichen Selbstverständnisses der 1960er Jahre etabliert. Allerdings bleibt dieser Prozess erstmals nicht auf technisch Funktionales begrenzt, sondern zielt, mittels in- und extrinsischer Kräfte gleichermaßen, auf die Ästhetisierung aller Lebensbereiche.

Aktuell heben Digitalisierung und Künstliche Intelligenz diese Entwicklung auf eine neue Stufe, präsentieren sich in der Bearbeitung wiederholbarer, nachahmender, teils gar analytischer Aufgaben dem Menschen eklatant überlegen. Diesem wiederum eröffnen sich damit zusätzliche Optionen, soziale und gestaltende Aspekte des Lebens verstärkt in den Blick zu nehmen.

Kreativität ist damit normatives Lebensmodell, der Künstler, traditionell gesellschaftlicher Außenseiter, dessen Identität stiftende neue Leitfigur.

„Taugenichts kehrt heim“ diagnostiziert Peter Sloterdijk 1985 in einem Essay. Als homo creator lebt Taugenichts nun in der creativ city, ist Mitglied der creativ class und in der creativ economy tätig. Dort „…eröffnet er vegetarische Restaurants, Forschungsinstitute und Discotheken, … macht Kirchentage und Parlamente unsicher…“  und „korrumpiert in aller Harmlosigkeit die okzidentale Logik und Ethik…“, wenn er „die utopische auswärtige Zukunft in die einheimische Gegenwart einfiltert, sie aus ihrem temporalen Exil im chronischen Morgen zurückholt ins Hier und Jetzt“.